Drei Beine, vier Pfoten im Herzen. mein Pflegehund nach einer Vorderbein-Amputation
Für Claire war drei einfach nur eine Zahl.

Als Claire zu mir kam, hatte sie gerade eine Vorderbein-Amputation hinter sich. Ein knapp einjähriger, 15 kg schwerer Tierschutzhund aus Rumänien, voller Energie, Selbstbewusstsein und Tatendrang.
Sie hatte nicht die geringste Absicht, sich von einem fehlenden Bein davon abhalten zu lassen, die Welt zu entdecken.
Und genau das war gleichzeitig ihre größte Stärke und unsere größte Herausforderung.
Denn während Claire offenbar dachte: „Na und? Dann eben mit drei!“, musste ihr Körper erst lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen.
Dieser Blogbeitrag erzählt von meinen fast drei Monaten mit Claire als Pflegehund, von ihrer Rehabilitation und vor allem von einer Erkenntnis, die mich in dieser Zeit immer wieder begleitet h
at:
Bei einem jungen Hund nach einer Amputation ist nicht immer mehr Bewegung die richtige Therapie. Manchmal ist die wichtigste Therapie zunächst, dafür zu sorgen, dass der Hund überhaupt zur Ruhe kommt.
Von einem verletzten Welpen in Bukarest zu einem dreibeinigen Wirbelwind
Claire wurde als Welpe mit einem schwer verletzten Bein auf den Straßen von Bukarest gefunden. Vermutlich hatte sie einen Unfall.
Als sie gefunden wurde, war sie ungefähr sechs Monate alt. Zunächst wurde in Rumänien von Knochenbrüchen ausgegangen.
Da ihre Wachstumsfugen zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschlossen waren, wurden diese auf den vorhandenen Bildern offenbar falsch interpretiert. Claire bekam deshalb zunächst über längere Zeit einen Gips.
Ein Tierorthopäde, mit dem ich zusammenarbeite, erkannte schließlich, dass es sich nicht um die vermuteten Brüche handelte. Tatsächlich hatte Claire eine massive Ellenbogendysplasie am rechten Vorderbein entwickelt.
Der Übergang vom Oberarm zum Unterarm war bereits stark deformiert und erinnerte optisch fast an einen Golfschläger.
Für den Tierschutzverein begann ich deshalb, mich in Deutschland mit verschiedenen Tierärzten und Spezialisten auszutauschen. Der Verein ist klein und finanziell nicht in der Lage, ohne Weiteres aufwendige Diagnostik wie CT, Arthroskopie und weitere Untersuchungen zu finanzieren, wenn am Ende möglicherweise trotzdem eine Amputation notwendig wird.
Gemeinsam mit einer Klinik in meiner Nähe wurden die Möglichkeiten und Aussichten abgewogen.
Die Entscheidung fiel schließlich für die Amputation der rechten Vordergliedmaße.
Am 1. April wurde Claire in Rumänien operiert. Die Kosten waren dort trotz des großzügigen Entgegenkommens der deutschen Klinik deutlich geringer. Von der Vordergliedmaße wurde lediglich die Scapula(schulterblatt) erhalten, sodass später grundsätzlich noch die Möglichkeit einer Prothesenversorgung bestehen sollte.
Ich hatte dem Verein zu diesem Zeitpunkt bereits zugesichert: Sobald Claire transportfähig ist, würde ich sie als Pflegehund aufnehmen.
Eine wichtige Entscheidung vor der Amputation
Im Vorfeld hatte ich mich außerdem mit zwei Orthopädietechnikern in Deutschland über die spätere Versorgung informiert.
Dabei ging es unter anderem um die Frage, welche Möglichkeiten es für eine Prothese gibt und wie das verbliebene Vorderbein unterstützt werden könnte. Eine Versorgung mit einer Carpalgelenksorthese wurde als mögliche Unterstützung für das noch vorhandene Vorderbein besprochen.
Eine Sache hatte ich dem Verein allerdings sehr eindringlich ans Herz gelegt: Claire sollte nicht gleichzeitig mit der Amputation kastriert werd. Ihr Körper hat erst mal genug stress mit der Amputation und die daraus resultierenden Kompensationen.
Ihr Gewicht ist dadurch ja auf die belastung der Hinterhand angewiesen, wenn man jetzt noch schmerzen durch eine Katsratoion in der Hinterhand hat, weis der Körper nicht wohin mit sich. Außerdem wäre die Kastartionswunde ständige hoher Belastung bzw Überlastung ausgesetzt und kann sich schlechter erholen. Eine zusätzliche Operation erschien mir in ihrer Situation unnötig riskant.
Im Nachhinein war diese Entscheidung sogar noch viel wichtiger, als wir zu diesem Zeitpunkt wissen konnten.
Nach der Amputation kam die nächste Herausforderung
Die Operation selbst verlief zunächst nicht so unkompliziert wie erhofft.
Claire hörte nach der Amputation nicht auf zu bluten und hatte starke Schmerzen. Sie musste deshalb noch einmal in der Nacht in die Klinik gebracht und erneut operiert werden.
Dabei wurde eine Gerinnungsstörung festgestellt.
Nach der zweiten Operation begann die Wundheilung glücklicherweise zunehmend besser zu verlaufen. Die Ausreise nach Deutschland verzögerte sich dadurch allerdings entsprechend.
Am 9. Mai war es schließlich soweit:
Claire kam nach einer zweitägigen Fahrt mit dem Transporter bei uns an.
Die Narbe sah zu diesem Zeitpunkt sehr gut aus. Der Chirurg hatte wirklich hervorragende Arbeit geleistet, die Wunde war schön verschlossen und das Fell begann bereits wieder zu wachsen.
Schmerzen hatte Claire bei ihrer Ankunft nicht mehr und sie benötigte auch keine Medikamente.
So konnte ich die Narbe problemlos anfassen, behandeln und später auch massieren und mit dem Laser unterstützen.
Claire hatte ein ganz anderes Problem
Eigentlich hätte man bei einem frisch amputierten, gerade einmal knapp einjährigen Hund erwarten können, dass zunächst die körperliche Rehabilitation die größte Herausforderung darstellt.
Bei Claire war das nur die halbe Wahrheit.
Denn Claire war…
Claire.
Selbstbewusst. Energiegeladen. Neugierig. Körperlich. Schlau.
Und vollkommen überzeugt davon, dass sie überall dabei sein muss!
Ich habe sie liebevoll meinen kleinen „Panzer“ genannt.
Nicht, weil sie ein schwieriger Hund gewesen wäre. Sondern weil sie sich mit der Energie eines jungen Labradors durch die Welt bewegte: voller Elan, meist etwas tollpatschig und mit einer beeindruckenden Bereitschaft, körperlich einfach alles auszuprobieren.
Andere Hunde wurden mit vollem Körpereinsatz zum Spielen aufgefordert. Hindernisse wurden nicht als Hindernisse betrachtet. Und wenn irgendwo etwas passierte, musste Claire natürlich mitten hinein.
Dass ihr Körper nach einer frischen Vorderbein-Amputation gerade deutlich weniger Belastungskapazität hatte, interessierte sie herzlich wenig.
Sie wollte leben.
Und zwar bitte jetzt!
Der schwierigste Teil der Rehabilitation: Claire Ruhe beibringen
Sehr schnell wurde mir klar, dass ich bei Claire zunächst wahrscheinlich mehr Trainerin als Therapeutin sein würde.
Sie war ein junger, pubertärer Hund mit enormem Bewegungs- und Erkundungsdrang. Gleichzeitig war ihr Körper noch überhaupt nicht in der Lage, diesen Bewegungsdrang problemlos mitzumachen.
Das Problem:
Claire ging regelmäßig über ihre körperlichen Grenzen – und bemerkte es selbst offenbar nicht.
Sie konnte nach wenigen Metern bereits deutlich müde sein und machte trotzdem weiter.
Genau hier musste ich immer wieder eingreifen.
Bremsen.Ruhe einfordern.Bewegung begrenzen.Reize dosieren.
Und vor allem: verhindern, dass Claire sich selbst permanent überlastet.
Denn einen entscheidenden Grundsatz sollte man bei Rehabilitation nicht vergessen:
Ein überlastetes System kann ich nicht sinnvoll trainieren.
Bevor ich Muskulatur aufbauen oder gezielt an Koordination und Körperwahrnehmung arbeiten konnte, musste ich zunächst dafür sorgen, dass die bereits überlasteten Strukturen überhaupt einmal die Möglichkeit bekamen, sich zu erholen.
Bewegung dosieren – und trotzdem ein junger Hund bleiben
Das war eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt!
Claire war nicht nur ein Rehabilitationspatient. Sie war ein junger Hund.
Sie wollte die Welt kennenlernen. Sie musste Umweltreize kennenlernen und lernen, wie der Alltag funktioniert. Sie sollte sozialisiert werden und Vertrauen aufbauen.
Einfach wochenlang möglichst wenig mit ihr zu machen, wäre deshalb ebenfalls keine gute Lösung gewesen.
Wir mussten einen Mittelweg finden:
körperlich schonen, ohne sie vom Leben auszuschließen.
Zu Hause galt deshalb eine klare Trennung:
Im Haus ist Ruhe und Schlaf. Draußen darf Aktion stattfinden.
Am Anfang war das für Claire überhaupt nicht selbstverständlich.
-> Wenn jemand von uns aufstand, stand Claire ebenfalls sofort auf.
-> Wenn sich irgendwo etwas bewegte, musste sie natürlich nachsehen.
-> Wenn die anderen Hunde aufstanden, war sie dabei.
Dass man einfach liegen bleiben kann, während andere Menschen durch das Haus laufen, musste sie erst lernen.
Es dauerte ungefähr eineinhalb Monate, bis sie diese Selbstverständlichkeit langsam entwickelte.
Wenn sie selbst nicht zur Ruhe kam, die anderen Hunde oder Katzen bedrängte oder uns permanent hinterherlief, musste ich ihre Bewegungsmöglichkeiten wieder stärker begrenzen.
Gerade in den ersten zwei Monaten zeigte sich sehr deutlich:
Je mehr Raum Claire bekam, desto aktiver und unruhiger wurde sie.
Auch mit unserer Hundetrainerin habe ich dieses Thema immer wieder besprochen. Gerade weil Claire so selbstbewusst und körperlich motiviert war, war konsequentes Management notwendig.
Und dann war da noch meine eigene Hündin
Eine Pflegehündin aufzunehmen bedeutet nicht, dass plötzlich nur noch ihre Bedürfnisse zählen.
Meine eigene Hündin Queenie musste ebenfalls geschützt werden.
Queenie ist im Umgang mit anderen Hunden eher deeskalierend. Sie ignoriert, dreht sich weg und versucht Konflikte zu vermeiden.
Claire hingegen war sehr körperlich und selbstbewusst.
Sie sprang auf andere Hunde zu, beanspruchte Raum und wollte teilweise bestimmen, wo sich die anderen Hunde bewegen sollten.
Meine Hunde können ihre Grenzen nicht besonders souverän durchsetzen.
Claire hatte das sehr schnell erkannt.
Deshalb musste ich vorallem immer wieder für Queenie Grenzen setzen.
Für meine eigene Hündin wurde die Situation zunehmend belastend. Sie zog sich immer mehr zurück, wurde ruhiger und wirkte lustlos.
Das war für mich ein sehr deutlicher Hinweis, dass ich etwas verändern musste.

Claire bekam deshalb im Wohnzimmer ihren eigenen abgegrenzten Bereich. So konnte sie am Familienleben teilnehmen, ohne permanent auf meine anderen Tiere einzuwirken.
Mir war wichtig, dass Claire nicht isoliert lebt. Gleichzeitig sollten meine eigenen Hunde in ihrem Zuhause frei und sicher leben können.
Beides musste möglich sein.
Und es wurde möglich.
Die letzten zwei Wochen vor ihrer Vermittlung konnte Claire deutlich besser mit den Grenzen umgehen. Sie ließ sich wegschicken, kam auf Zuruf zurück und konnte meine Hündin zunehmend in Ruhe lassen.
Am Ende konnten sogar alle drei gemeinsam auf dem Sofa liegen.
Für Claire war das vermutlich keine große philosophische Leistung.
Für uns war es das Ergebnis von vielen Wochen Management, Training und Geduld!
Die körperliche Realität hinter dem selbstbewussten Hund
Körperlich zeigte Claire bei ihrer Ankunft ein deutliches Kompensationsmuster.
Das verbliebene linke Vorderbein musste die Belastung übernehmen, die vorher auf zwei Vordergliedmaßen verteilt war. Anfangs fehlte ihr dafür noch Kraft und Körperspannung.
Ihr Ellenbogen rotierte nach außen, die Pfote wurde weit unter den Körperschwerpunkt gestellt und der Rumpf sackte ab.
Interessant war allerdings: Claire startete nicht grundsätzlich in dieser Fehlhaltung.
Morgens konnte sie zunächst relativ physiologisch stehen – nur leicht verändert im Vergleich zu einem vierbeinigen Hund. Erst mit zunehmender Belastung begann die eigentliche Kompensation.
Man konnte ihrer Ermüdung förmlich zusehen
Ein typischer Weg zur Arbeit zeigte das sehr deutlich.
Zu Beginn lief Claire noch relativ physiologisch. Nach ungefähr der Hälfte des Weges begann die Rumpfmuskulatur zu ermüden. Der Rumpf sank ab une Claire begann zu kompensieren.

Der Ellenbogen rotierte stärker nach außen, die Pfote wurde weiter unter den Körper gestellt und die Körperhaltung wurde zunehmend instabil.
Wenn sie ihre Grenze überschritten hatte, begann sie teilweise zu straucheln. Sie versuchte dann, über mehr Geschwindigkeit ihr Gleichgewicht zu finden, wurde unsicher und fiel teilweise vorne hin.
Dazu kam deutliches Hecheln.
Das war für mich ein sehr klares Zeichen:
Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für mehr Training. Jetzt braucht dieser Körper eine Pause.
Auch die Temperatur spielte eine große Rolle. Je heißer das Wetter wurde, desto schneller war Claire erschöpft. An besonders warmen Tagen konnte es vorkommen, dass bereits wenige Minuten ausreichten und ich sie anschließend bis zum Auto tragen musste.
Nach einer längeren Ruhephase stabilisierte sie sich wieder. Aber im Laufe des Tages wurde ihre Belastbarkeit zunehmend geringer.
Die Rumpfträger waren permanent am Limit
In den ersten ungefähr zwei Monaten waren vor allem ihre Rumpfträger massiv gefordert. Die Muskulatur war teilweise extrem hyperton und fest.
Auch die Nackenmuskulatur und die Muskulatur des verbliebenen Vorderbeins waren deutlich überlastet. Teilweise wirkte das vorhandene Vorderbein fast wie bei Popeye.
Auch in der vorderen Brustwirbelsäule zeigten sich immer wieder Blockaden.
Das Brustbein beziehungsweise der Rumpf war regelmäßig rotiert und musste immer wieder korrigiert werden.
Und auch das Zwerchfell war häufig sehr fest.
Was besonders spannend zu beobachten war: Die Kompensation hörte nicht einfach am Rumpf auf.
Auch Hals- und Kieferstrukturen waren immer wieder stark angespannt.
Wenn ein Rumpf absinkt und sich gleichzeitig verändert ausrichtet, müssen die haltenden Strukturen deutlich mehr arbeiten. Diese zusätzlichen Spannungen können sich über die funktionellen Zusammenhänge bis in den Hals- und Kieferbereich fortsetzen.
Bei Claire war deshalb auch der Kiefer ein wiederkehrendes Thema. Sie neigte dazu, über das Pressen im Kiefer zusätzliche Spannung aufzubauen.
Warum ich nicht einfach „alles gerade gemacht“ habe
Aus osteopathischer Sicht könnte man sich natürlich fragen:
Warum korrigierst du nicht einfach jede Kompensation?
Die Antwort ist: Weil nicht jede Kompensation automatisch etwas ist, das man sofort vollständig beseitigen sollte.
Claire musste ihren Körper irgendwie organisieren. Sie hatte ein Vorderbein verloren.
Ihr Körper musste eine neue Statik und Dynamik entwickeln.
Ich wollte ihr deshalb nicht jede einzelne Kompensation nehmen, ohne ihr gleichzeitig eine bessere Möglichkeit zu geben, diese Belastung aufzufangen.
Manchmal muss man dem Körper auch etwas Zeit geben, seine neue Situation zu organisieren.
Oder, etwas weniger fachlich ausgedrückt:
Irgendwas musste ich ihr ja lassen um klar zu kommen.
Meine Behandlung: zunächst Schadensbegrenzung statt Muskelaufbau
Die Physiotherapie sah bei Claire deshalb zunächst anders aus, als man vielleicht erwarten würde.
Am Anfang stand nicht das klassische Trainingsprogramm im Vordergrund.
Mein Hauptziel war:
überlastete Strukturen entlasten und dem Körper die Möglichkeit geben, sich zu regenerieren.
Je nachdem, was Claire gerade brauchte und was ihr Alltag zugelassen hatte, bestand die Behandlung unter anderem aus:

Laserbehandlung der Narbe zur Unterstützung der Wundheilung
Laserbehandlung überlasteter Strukturen
faszialen Techniken
osteopathischer Behandlung
Mobilisation des Zwerchfells
passiver Mobilisation der Gliedmaßen
detonisierenden Massagen
Behandlung der Wirbelsäule und des Schultergürtels
Arbeit an den Strukturen des verbliebenen Vorderbeins
Behandlung der Kieferregion
wiederholter Ausrichtung des Brustbeins und Rumpfes
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt kein starres Behandlungsschema.
Mein Alltag besteht selbst aus meiner Tätigkeit in der Humanpraxis, meiner selbstständigen Arbeit als Tierphysiotherapeutin und Tierosteopathin und unserem normalen Familienleben.
Deshalb wurde auch Claire nicht nach einem starren Kalender behandelt.
Manchmal gab es nur eine Laserbehandlung.
Manchmal Massage auf der Couch.
Manchmal Laser und passive Bewegungen.
Manchmal osteopathische Arbeit etc.
Ich habe mich dabei immer an ihrem aktuellen Zustand orientiert.
Nicht die Theorie auf dem Papier bestimmte, was Claire an diesem Tag bekam, sondern das, was ihr Körper gerade brauchte!
Erst als die Basis stabiler wurde, kam das Training Etwa vier Wochen vor ihrer Vermittlung merkte ich deutlich:
Claire hatte mehr Kondition. Ihr Körper konnte mehr Belastung verkraften.
Jetzt konnten wir aktiver werden.
Wir begannen unter anderem mit Stehübungen, Gewichtsverlagerungen, isometrischen Übungen, Sitz-Steh-Übungen und gezieltem Propriozeptionstraining. Auch die Körperwahrnehmung wurde wichtiger.
Wir arbeiteten mit unterschiedlichen Untergründen und mit Cavaletti am Boden.
Eine meiner Lieblingsübungen war eine Stange, über die Claire bewusst Schritt für Schritt steigen sollte.
Am Anfang setzte sie die Hinterpfoten teilweise eher auf die Stange, statt bewusst darüber zu steigen. Dabei geriet sie ins Wanken und benötigte meine Unterstützung
Später wurde das deutlich besser.
Sie wusste zunehmend besser, wo sich ihr Körper im Raum befand und wann sie ihre Pfoten über das Hindernis setzen musste. Irgendwann brauchte sie dabei keine Unterstützung mehr.
Das war für mich ein sehr schönes Zeichen dafür, dass nicht nur ihre Kraft, sondern auch ihre Körperwahrnehmung Fortschritte machte.
Der Tracker: Mein objektiver Blick auf Claires Belastung
Eine ganz besondere Unterstützung während dieser Zeit bekam ich von einem Bekannten Tracker Herstellee.
Ich hatte für Claire einen Tracker gesponsert bekommen.
Und bei einer solchen Rehabilitation war dieser Tracker für mich tatsächlich Gold wert.
Denn plötzlich konnte ich nicht nur beobachten, sondern Daten miteinander vergleichen.
Der Tracker zeigte unter anderem Aktivitätszeiten, Schlafverhalten, Kratzverhalten, Bellverhalten, Athemfrequenz und Herzfrequenz an.
Für mich waren insbesondere Aktivität und Schlaf interessant.
Ich verglich Claires Werte mit denen meiner eigenen Hündin Queenie.
Das Ergebnis hat mich ehrlich gesagt überrascht.
Queenie kam durchschnittlich auf etwa 200 bis 250 Minuten Aktivität pro Tag.
Claire lag zu Beginn bei fast 500 Minuten Aktivität täglich.
Nach gerade einmal etwa vier Wochen seit ihrer Amputation!
Damit hatte ich in dieser Größenordnung ehrlich gesagt nicht gerechnet.
Auch beim Schlaf gab es einen deutlichen Unterschied.
Queenie schlief durchschnittlich etwa 15 bis 17 Stunden pro Tag.
Claire kam anfangs lediglich auf ungefähr 9 bis 11 Stunden und war teilweise sogar nachts noch aktiv.
Damit bestätigten die Daten ziemlich eindrucksvoll das, was ich im Alltag bereits beobachtete:
Claire war nicht einfach nur ein bisschen aktiv. Sie war permanent auf Sendung.
Im Laufe der Zeit veränderte sich das.
Zum Ende ihres Aufenthalts lag Claire durchschnittlich bei etwa 250 bis 300 Minuten Aktivität pro Tag und schlief ungefähr 15 Stunden.
Auch ihr Schlaf wurde deutlich ruhiger und länger.
Für mich war das eine der spannendsten Entwicklungen während ihrer gesamten Rehabilitation.
Nicht nur, weil sie körperlich belastbarer wurde.
Sondern weil sie lernte, Ruhe tatsächlich zuzulassen.
Schonung bedeutet nicht, einen Hund von der Welt fernzuhalten
Gerade bei einem jungen Tierschutzhund war das eine besondere Herausforderung.

Claire kam aus einer völlig anderen Lebenswelt. Sie musste Umweltreize kennenlernen und Alltag lernen.
Gleichzeitig waren die sechs Stunden in meiner Humanpraxis bereits eine enorme geistige Belastung.
Deshalb bestand ihr „Gassi“ zunächst teilweise einfach aus dem Weg vom Auto bis zur Praxis und zurück.
In den ersten Wochen wurde sie dafür sogar im Hundewagen vom Auto zur Praxis gefahren.
Nach ungefähr vier Wochen, als sie körperlich fitter war, konnte sie diese Strecke selbst laufen.
Viermal pro Woche war sie mit in der Praxis.
Dort hatte sie über mehrere Stunden viele neue Geräusche, Gerüche, Menschen und Bewegungen zu verarbeiten.
Danach war für mich klar:
Zu Hause braucht dieser Hund keine zusätzliche Action. Zu Hause braucht sie Schlaf.
Manchmal durfte sie im Hof noch ein bisschen ihrer Freizeit nachgehen, während ich beispielsweise Wäsche machte.
Aber wir mussten sehr genau darauf achten, wann aus normaler Aktivität wieder Überforderung wurde
Claire wurde nicht einfach nur "geschont"
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit.
Schonung bedeutet für mich nicht:
Hund liegt drei Monate herum und darf nichts machen.
Claire musste trotzdem lernen:
wie Alltag funktioniert
wie man sich in einem Haushalt bewegt
wie man Grenzen akzeptiert
wie man mit anderen Hunden umgeht
wie man Ruhe hält
wie man Umweltreize verarbeitet
wie man seinen veränderten Körper koordiniert
Das alles ist ebenfalls Rehabilitation.
Nur eben nicht ausschließlich auf einer Therapieliege.

Drei Beine waren für Claire nie das Problem
Und genau hier schließt sich der Kreis. Claire selbst hat ihre drei Beine nie als Einschränkung betrachtet.
Sie war immer gut gelaunt. Sie war nie frustriert.Sie ist ein echter Kämpfer.
Geht nicht, gibt's nicht!
Und wenn etwas nicht geht, dann versucht Claire es eben erst recht.
Ihre größte Herausforderung bestand deshalb nicht darin, mit drei Beinen leben zu lernen.
Ihre Herausforderung bestand darin, zu lernen, ihren eigenen Körper wahrzunehmen und seine Grenzen zu akzeptieren.
Claire vor der Vermittlung
In den letzten zwei bis drei Wochen konnte ich ihr zunehmend mehr Freiheit geben.
Der abgegrenzte Bereich im Wohnzimmer wurde nicht mehr benötigt., Auch das Management im Alltag wurde leichter. Claire konnte sich besser zurücknehmen. Sie konnte andere Hunde eher in Ruhe lassen. Sie ließ sich wegschicken und kam auf Zuruf zurück.
Und körperlich hatte sie ebenfalls große Fortschritte gemacht:
-> Ihr Gangbild war sicherer und über längere Strecken physiologischer.

-> Ihre Kraft und Ausdauer hatten sich deutlich verbessert.
-> Sie konnte sich im Alltag mehr bewegen und auch mit anderen Hunden spielen, ohne sofort in deutliche
Kompensationsmuster zu fallen.
-> Die Rumpfträger waren weiterhin ein Thema, aber sie waren nicht mehr bereits am Vormittag völlig erschöpft.
-> Der Rumpf sackte nicht mehr schon bis zum Mittag deutlich ab.
-> Sie konnte länger auf den Beinen bleiben, bevor die Ermüdung sichtbar wurde.
-> Ihr Gleichgewicht war besser.
-> Ihre Körperwahrnehmung hatte sich verbessert.
Natürlich war noch längst nicht alles perfekt. Aber das war auch nicht das Ziel!
Das Ziel war, Claire körperlich und mental so weit zu bringen, dass sie in ein passendes Zuhause ziehen konnte, in dem ihre weitere Entwicklung fortgesetzt werden kann.
Und dann kam ihre Für-immer-Familie
Ich hatte mir von Anfang an vorbehalten, Claire zunächst ungefähr einen Monat kennenzulernen, bevor ich überhaupt an eine Vermittlung dachte.
Ich wollte wissen:
Wie ist sie körperlich?
Wie belastbar ist sie?
Was braucht sie?
Welche Grenzen hat sie?
Was muss eine zukünftige Familie leisten?
Und vor allem:
Wer ist bereit, wirklich Verantwortung für diesen Hund zu übernehmen?
Kurz nachdem Claires Vermittlungsanzeige online ging, meldete sich ihr heutiger Besitzer beim Verein.
Er suchte ganz bewusst nach einem Hund mit Handicap.
Das erste Kennenlernen verlief großartig.
Er war sofort begeistert von Claire und stellte genau die Fragen, die ich mir von einem zukünftigen Besitzer gewünscht hatte.
Ich habe ihm dabei nichts schön geredet.
Im Gegenteil.
Ich habe sehr deutlich erklärt, was ein Hund mit einer solchen Vorgeschichte bedeuten kann fi:nanziell, organisatorisch und auch langfristig gesundheitlich.
Ich wollte keinen Menschen, der sich von Claires Geschichte rühren lässt und später feststellt, dass die Realität doch anders aussieht.
Ich wollte jemanden, der die gesamte Verantwortung versteht und trotzdem sagt: Ja.
Und genau das tat er!
Nach wenigen Tagen entschied er sich für Claire.
Für mich war sehr schnell klar:
Etwas Besseres hätte Claire kaum passieren können.
Er suchte sich direkt eine passende physiotherapeutische Betreuung vor Ort, machte Termine und setzte sich intensiv damit auseinander, wie er Claire ihren Alltag erleichtern kann.
Auch für ihre weitere körperliche Unterstützung ist gesorgt.
Eine Orthesenversorgung ist geplant und auch eine Rollstuhlversorgung für die Vordergliedmaße wird mit ihrer jetzigen Physiotherapeutin besprochen. Eine Prothese ist damit nicht unbedingt vom Tisch, steht aktuell aber auch nicht im Vordergrund.
Entscheidend ist für mich etwas anderes:
Ich sehe, dass Claire bei ihm angekommen ist.
Und dass es ihr hervorragend geht.
Was Claire mir beigebracht hat
Claires Geschichte hat bei mir nicht nur fachlich einiges verändert. Sie hat auch einen Wunsch ausgelöst, der vorher schon irgendwo in meinem Kopf existiert hat, durch sie aber plötzlich viel konkreter geworden ist:
Ich möchte langfristig eine stationäre Reha für Hunde aufbauen.
Denn die drei Monate mit Claire haben mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, wie schwierig gerade die erste, intensive Phase nach einer Operation oder schweren Verletzung für viele Hundebesitzer sein kann.
Bei Claire war die größte Herausforderung in den ersten Wochen nicht, möglichst viel mit ihr zu trainieren. Im Gegenteil. Ich musste sie immer wieder davon abhalten, mehr zu tun, als ihr Körper verkraften konnte. Ruhe, Belastungsmanagement und ein strukturierter Alltag waren ein ganz wesentlicher Teil ihrer Rehabilitation.
Aber nicht jeder Hundebesitzer kann seinem Hund diese Bedingungen zu Hause ermöglichen.
Und das hat nicht unbedingt etwas mit fehlender Fürsorge oder mangelnder Bereitschaft zu tun. Manchmal sind es schlicht die Lebensumstände.
Eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater beispielsweise kann trotz aller Liebe zum eigenen Hund nicht plötzlich mehrere Wochen lang seinen gesamten Alltag auf die Rehabilitation des Hundes ausrichten. Vielleicht fehlt die Zeit oder schlicht die Möglichkeit, einen Hund ausreichend zu schonen und gleichzeitig Familie, Arbeit und alles andere zu bewältigen.
Manchmal fehlt aber auch das passende häusliche Umfeld.
Ich denke dabei zum Beispiel an einen älteren Menschen mit einem großen, schweren Hund nach einer Kreuzbandoperation, vielleicht im dritten Stock ohne Aufzug. Der Hund darf die Treppen nicht laufen, muss möglicherweise getragen oder anders unterstützt werden und braucht gleichzeitig kontrollierte Bewegung und regelmäßige Therapie. Für einen älteren Menschen kann das körperlich schlicht nicht machbar sein, selbst wenn er seinen Hund über alles liebt und alles für ihn tun möchte.
Genau hier sehe ich einen möglichen Ansatz für eine stationäre Reha.
Ich möchte Besitzern die erste „heiße Phase“ nach einer Operation oder schweren Verletzung abnehmen können, wenn sie ihren Hund zu Hause nicht sicher und sinnvoll durch diese Zeit begleiten können.
Dabei geht es für mich nicht darum, den Hund einfach irgendwo unterzubringen und ihn am Ende der Reha wieder nach Hause zu geben.
Im Gegenteil.
Die stationäre Zeit sollte dazu dienen, den Hund fachlich zu begleiten, seine Belastung individuell zu managen, Ruhe und Bewegung sinnvoll aufeinander abzustimmen und physiotherapeutisch sowie osteopathisch dort anzusetzen, wo es der jeweilige Patient benötigt.
Gleichzeitig sollen die Besitzer lernen, was ihr Hund zu Hause braucht.
Denn irgendwann geht es immer wieder nach Hause.
Deshalb gehört für mich auch die Anleitung der Besitzer unbedingt dazu:
Wie erkenne ich Überforderung? Wie viel Bewegung ist in welcher Phase sinnvoll? Welche Veränderungen sollte ich beobachten? Wie kann ich den Alltag so gestalten, dass mein Hund sich nicht ständig selbst überlastet?
Claire hat mir dabei noch einmal ganz deutlich gezeigt, wie wichtig dieser Blick auf den gesamten Alltag ist.
Ihre Rehabilitation bestand nicht nur aus Laser, Osteopathie, Massage, Mobilisation oder späterem Training.
Ein riesiger Teil ihrer Rehabilitation war das Management zwischen diesen einzelnen Therapieeinheiten.
Zu erkennen, wann sie müde wurde. Zu verhindern, dass sie ihre eigene Belastungsgrenze immer wieder überschritt. Ihr ausreichend Schlaf und Erholung zu ermöglichen. Gleichzeitig aber dafür zu sorgen, dass sie als junger Hund weiterhin Umweltreize kennenlernen und am Leben teilnehmen konnte.
Es war immer wieder ein Abwägen zwischen „Sie braucht Bewegung und Erfahrungen“ und „Ihr Körper braucht jetzt Ruhe.“
Und genau diese Balance ist meiner Meinung nach ein wichtiger, aber häufig unterschätzter Bestandteil einer erfolgreichen Rehabilitation.
Ein überlastetes System kann ich nicht sinnvoll trainieren.
Manchmal ist die beste Therapie deshalb nicht die nächste Übung, sondern eine Pause.
Claire hat mir gezeigt, wie viel Arbeit, Beobachtung und individuelles Management hinter einem scheinbar so einfachen Satz steckt.
Und sie hat mir gezeigt, dass es Hunde und Besitzer gibt, die in dieser ersten schwierigen Zeit Unterstützung brauchen könnten.
Nicht weil sie ihre Tiere nicht selbst versorgen möchten, sondern weil die notwendigen Rahmenbedingungen im Alltag manchmal einfach fehlen.
Vielleicht entsteht daraus irgendwann genau der Ort, den ich mir wünsche:
Ein Ort, an dem Hunde nach Operationen, Verletzungen oder anderen schweren körperlichen Belastungen für eine gewisse Zeit professionell betreut und rehabilitiert werden können.
Ein Ort, an dem sie nicht nur behandelt, sondern als Ganzes betrachtet werden.
Und ein Ort, an dem ihre Menschen anschließend mit einem guten Gefühl und dem nötigen Wissen wieder gemeinsam nach Hause gehen können.
Claire hat mir dafür nicht nur fachlich unglaublich viel beigebracht.
Sie hat mir gezeigt, wofür ich meine Arbeit langfristig noch einsetzen möchte.
Und vielleicht war genau das eines ihrer größten Geschenke an mich.






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